Martin Höfer

Interview

"... für die Autonomie der Kunst einstehen"

An interview by Katja Schubach with Martin Höfer. (dt./german)

 

„…für die Autonomie der Kunst einstehen“

Der Leipziger Medienkünstler Martin Höfer spricht über sein künstlerisches Selbstverständnis, wirtschaftlichen Erfolg und seinen ersten Sportwagen.

 

Katja Schubach: Herr Höfer, 2012 haben Sie mit einem buntgestreiften Porsche 911 GT3 beim Porsche Carrera Cup der DTM für Furore gesorgt. Wie kam es zu der Idee?

Martin Höfer: Ich wollte nicht im klassisch musealen Raum sondern in der medialen Öffentlichkeit ausstellen – das hatte sowohl künstlerische als auch wirtschaftliche Gründe. Fernsehen, Internet und Printmedien sollten mir helfen, dieses Kunstprojekt in die Welt zu tragen.

Und die Resonanz war ja auch beeindruckend. Dabei haben Sie gezielt die Tradition des Art Cars der 70er Jahre aufgegriffen…

Ja, aber es ging mir auch darum, mit diesem Auto etwas Neues zu schaffen.

Und das war?

Die Verschiebung der Auftragsgeberschaft. Bisher haben Firmen, Mäzene oder staatliche Institutionen Künstler beauftragt – so wie BMW seinerzeit Andy Warhol, Roy Lichtenstein und Jeff Koons beauftragt hat, einzelne Autos zu gestalten. Ich habe den Spieß umgedreht und ein Porscherennteam beauftragt, für die Kunst zu fahren.

Und Sie glauben, dass diese – doch recht forsche – Vorgehensweise funktioniert in einer Zeit, in der gerade millionenschwere Prominente den Kunstmarkt als Investmentspielwiese für sich entdeckt haben?

Mir geht es darum, für die Autonomie der Kunst einzustehen. In der Moderne haben Künstler erstmals gesagt: wir können Kunst auch ohne Auftraggeber. Unsere Kunst soll aus eigenem Antrieb entstehen – weil sie sonst nur eine Auftragskunst ist. Von diesem Selbstverständnis haben wir uns in der Postmoderne wieder entfernt. Wir arbeiten erneut in einer Zeit, in der Sponsoren Geld geben, in der auch unsere Auftragslage durch die Wirtschaft diktiert wird.  So wie wir das schon aus der Renaissance kennen. Ich versuche, mich dagegen zu stemmen.

Mit Aussicht auf Erfolg?

Nein, natürlich nicht. (Lacht.) Aber Scherz beiseite! Künstler ist ein Berufsfeld wie jedes andere auch: Kunst muss sich verkaufen, sonst kann man nicht davon leben. Die Frage ist: Ob der Künstler auf den Auftrag wartet, oder ob er selbst in Aktion tritt?

Der Künstler muss also seine Kunst so entwickeln, dass sie auch Abnehmer findet?

Diese Frage ist doch sehr ketzerisch.

Aber durchaus zulässig…

Natürlich ist mir dieser Widerspruch bewusst. Und ich begegne ihm auf meine Weise. Ich habe mir in den vergangenen Jahren Marketingstrategien angeeignet, die meiner Kunst inhärent ist. Damit ist das Marketing meiner Kunstprojekte zugleich auch Bestandteil meiner Kunstprojekte und nicht voneinander zu trennen.

Herr Höfer, Sie sind Medienkünstler. Was genau ist Medienkunst heute?

Medienkunst gibt es seit den sechziger Jahren. Alles, was mit technischen Medien wie Computer, Fotoapparat, Video, Lichtinstallationen und Audiogeräten so machbar war, wurde als Medienkunst verstanden. Für mich ist Medienkunst heute aber weit mehr. Sie ist nicht apparativ sondern inhaltlich. Eine Kunstform, die sich mit den Massenmedien gezielt auseinandersetzt. Und ich setze mich damit zudem im öffentlichen Raum auseinander.

Wann wurde das zu Ihrem Thema und in welchem Projekt haben Sie dieses Konzept erstmals aufgegriffen?

Zum Thema geworden ist es 2007 und schon ein Jahr später entstand daraus die Projektserie „Best buy me!“

Was hat es damit auf sich?

Das sind ein Schriftzug und ein Farbcode auf einer gekauften Werbefläche. Und während der Schriftzug immer der gleiche ist, ändern sich Farbcode und die gekaufte Fläche. Ich will damit die zunehmende Privatisierung des öffentlichen Raums thematisieren.

Welche Bedeutung hat der öffentliche Raum im Medienzeitalter für einen Künstler?

Das klassische Galerie-Publikum ist speziell – ein ziemlich enger Personenkreis. Im öffentlichen Raum dagegen erreiche ich jeden, der vorbeikommt und anklopft. Das gilt für alle zeitgenössischen Künstler und bringt mich zu einem weiteren Lieblingsprojekt. Aus der Galerie und dem Museum rauszugehen, ein Publikum jenseits des angestammten zu erreichen, ist ein Angebot zu machen, dass nichts zurückhält. Wir haben diese Idee in der Nationalgalerie in Vilnius visuell umgesetzt mit dem Projekt „Capital unemployed“.

Als Sie 2011 den Archivkatalog der Galerie auf großen Monitoren veröffentlicht haben?

Anders gesagt: Ich habe mir den Archivkatalog angeeignet. Und all jene Arbeiten neu präsentiert, die zu jenem Zeitpunkt eingelagert und dem Publikum verborgen waren. Ich wollte damit ein Angebot machen, das nichts zurückhält. Ein Diskurs übrigens, der auch zwischen Privatsammlern und Museen geführt wird.

Inwiefern?

Private Sammler sind immer bestrebt, ihre Sammlungen einem breiten Publikum zu zeigen – um damit Geld einzuspielen und auch den Wert der Sammlung zu steigern. Museen aber auch Galerien sehen in dem Besucher noch immer den Feind, der ein Kunstwerk beschädigen könnte.

Weshalb wohl auch viele Gemälde und Skulpturen hinter dicken Glaswänden in klimatisierten Archiven versteckt gehalten werden?

Richtig. Ich plädiere dafür, trotzdem der Öffentlichkeit zu zeigen, was da ist.

Welchen Anteil wird das derzeitige Medienzeitalter daran haben?

Interaktion zwischen Kunst und Kunstliebhaber wird sich nicht mehr nur in Museen oder Galerien vollziehen. Ich glaube, die Informationsmedien werden dabei helfen, neue Kunstformen zu entwickeln. Und das Entscheidende ist die Interaktion mit dem Kunstnutzer – sie verhilft der Medienkunst zu einer solch großen Verbreitung. Auf eine Art, wie es Museen und Galerien nicht leisten können.

Katja Schubach, Juni 2014